Schule, 5. Stunde, Langeweile.
Das Matheheft musste mal wieder für Kritzeleien herhalten – und plötzlich tauchte es wieder auf: das „Cool S“.
Wer von uns hat es nicht irgendwann mal gezeichnet oder kennt es zumindest? Und doch weiß bis heute niemand, wer das „Cool S“, auch „Stussy S“ genannt, eigentlich erfunden hat.
Überall auf der Welt zeichnen Menschen diesen Buchstaben, dieses Symbol, obwohl es kein Firmenlogo ist. Keine coole Marke, kein Icon, kein Hinweiszeichen. Es gibt keine greifbaren Spuren, die eindeutig auf seine Herkunft schließen lassen – aber jede Menge Theorien.
Die Verschwörungsmythen über Freimaurer und Aliens lasse ich mal außen vor.
Spannender sind die Erklärungsversuche, die man zumindest ernst nehmen kann.
Die Skatermarke Stüssy zum Beispiel hat offiziell dementiert, dass es sich beim „Stussy S“ um eine Logovariante oder ein Symbol handelt, das die Firma jemals verwendet hat. Auch die Idee, es sei ein nie genutztes Superman‑Logo, wurde untersucht und zu den Akten gelegt.

Doch was passiert, wenn man diesen Zopf irgendwann beenden will?
Entweder man lässt ihn einfach offen – oder man sucht nach einem sauberen Abschluss. Und die einfachste Art, dieses Muster zu schließen, ist es, es in einer Spitze auslaufen zu lassen.
Nach Ockhams Rasiermesser wäre die naheliegendste Erklärung also nicht ein verschwörerisches Freimaurer‑Zeichen oder ein außerirdisches Symbol, sondern die einfachste und logischste Art, ein unendlich erweiterbares Muster mit einem Abschluss zu versehen.
Jedes Kind, das diese einfache Zopfvariante zeichnen kann, wird meines Erachtens früher oder später zwangsläufig beim „Stussy S“ landen.
Damit folgt dieses geheimnisvolle S demselben Prinzip, das erklärt, warum frühere Hochkulturen wie die Maya, Inka oder alten Ägypter weltweit und unabhängig voneinander begonnen haben, Pyramiden zu bauen: Es ist die einfachste und logischste Form, die man wählen kann, wenn man in die Höhe bauen möchte.
Vielleicht ist dieses mysteriöse S also gar kein geheimnisumwittertes Kultsymbol, sondern nur die logische Konsequenz aus der Gestaltungspsychologie.
Ein analoges Meme, das sich selbst verbreitet.
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*1 = Die früheste bekannte, gedruckte Spur eines ähnlich konstruierten S findet sich 1890 bei Frederick Newton Willson in Mechanical Graphics – hier zu sehen: https://archive.org/details/mechanicalgraphi00will/page/12/mode/2up
*2 = Die frühesten bekannten Fotos dieses Zeichens stammen von Jon Naar (New York, 1973). Eine Auswahl ist hier zu sehen: https://thesthing.com/blogs/news/1973-jon-naar
*3 = Jean-Michel Basquiat „Charles the First“ (1982): https://www.artsy.net/artwork/jean-michel-basquiat-charles-the-first-2043

Eine Spur führt sogar zurück in das Jahr 1890: Im Lehrbuch „Mechanical Graphics“ von Frederick Newton Willson*¹ taucht ein ineinander verdrehtes „S“ auf, das gewisse Ähnlichkeiten hat. Allerdings fehlen Willsons „S“ die Spitzen oben und unten, und seine Version ist so allgemein gehalten, dass man quasi jede Form daraus weiterentwickeln könnte.
Die älteste belegbare Spur des „Cool S“ führt bislang in das Jahr 1973: Der Fotograf Jon Naar dokumentierte das Symbol zufällig auf New Yorker Hauswänden – zwischen Graffitis und Tags*².
1978 taucht es im Hintergrund an einer Zellenwand im Film „Piranha“ auf, 1982 integriert Jean‑Michel Basquiat das „Cool S“ in eines seiner Gemälde*³. Aber keine dieser Spuren erklärt wirklich, wie dieses Zeichen entstand – sie zeigen nur, dass es bereits da war.
Aber was, wenn es sich gar nicht um einen Buchstaben oder ein gezielt designtes Symbol handelt?
Eine Sache, die wir uns als Kinder in der Schule gegenseitig beigebracht haben, war das Zeichnen eines simplen Zopfes aus wenigen Strichen. Wenn einem richtig langweilig war, verlängerte man dieses Zopfmuster immer weiter – bis das ganze Kästchenblatt voll war.